Dienstag, 3. Februar 2009

Sprachkrise

Lord Chandos schrieb 1603 an Francis Bacon einen Brief, in dem er seine Sprachkrise auszudrücken versucht. Da greift der Ansatz für das Vestehen Törleß' zum zweiten Mal in unserem Deutsch-Lk und die Fragezeichen blinken über den Köpfen meines Kurses. Abstraktes auf die Wirklichkeit übertragen, eine universelle Expression für den Sachverhalt in unserem Gedanken oder der Wahrnehmung zeigen uns die Grenzen des Möglichen, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Chandos und Törleß könnten sich gegenseitig gut verstehen, aber nicht die Worte dafür finden, dies wird einem nach dem Lesen bewusst. Für mich hat dieser Text aber nicht nur eine bestätigende Wirkung. Er stachelt die Hoffnungslosigkeit an.
Das Leben spielt bekanntlich sein eigenes Chaosspiel und der Mensch schaut am besten zu, wie er am stabilsten stehen bleibt. Selbst erst durch die Sprache zum Denken verdammt, sucht er nach Erklärung und Verstehen, natürlich für alles. Eine Parallelwelt, eine Illusion der Natur wird geschaffen, Kultur bestimmt den Weg nun mehr und genau hier befindet sich der tote Punkt, der bereits Chandos verzweifeln ließ. Die Suche scheint unendlich, aber dennoch müssen wir fortfahren und aufgrund unserer Hoffnungslosigkeit brechen und scheitern.
Eine Frage ist demnach ebenso unverständlich wie die Antwort darauf und aufeinander passen können beide sowieso nicht: ein Dilemma. Die daraus resultierende Wertung scheint nur noch eine lächerliche Überspielung der eigenen Sprachkrise, das Unverständis für sein Gegenüber, aber kaum einer bemerkt dies. Sollen wir demnach Schopenhauer folgen und uns aus der Gesellschaft heraushalten, der ständigen Katastrophe entziehen? Klingt erst einmal plausibel, aber nicht umsetzbar. Der Empfindsame muss im Pessimismus weiterleben.
Da erscheinen mir Worte als falsch und als Lüge, denn sie bedeuten nichts, nichts anderes als hohle Demonstration der Sprache und der Gedanken als unseren Schatz. Die Gefühle? Nein, sie sind nun sekundär, schließlich können sie nicht versprachlicht werden, ohne das der Inhalt dabei verloren geht. Die Körperlichkeit fehlt dem Menschen. Gefühle sind Produkte unseres Körpers, nicht der Gedanken und können auch nur so vermittelt werden, da hilft keine Sprache - sie erzeugt in uns höchstens ein Abbild davon - denn unsere Zuneigung überträgt sich nur von Haut zu Haut und nicht anders.
Sprache ist gefährlich und unzuverlässig. Ein schreckliches Werkzeug - es gleicht dem Henkersstrick.
Törleß verließ seine Schule, seine Gefangenschaft und gab sich der Natur hin. Man könnte sich ein Beispiel daran nehmen...